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Donnerstag, 26. Oktober 2006
„Gott sei Dank! Es war wieder Krieg!“
20. Oktober 2006 nach dem "Sommerkrieg": Beirut wirkt in der Innenstadt wie immer.

Fährt man heute die Stadtautobahn vom Rafik-Hariri- Airport in die Stadt, so spürt man keinen Unterschied zu den vergangenen Jahren. Vielleicht etwas weniger Verkehr, aber die Häuser und Strassen sind intakt, das Leben in weiten Teilen Beiruts scheint in normalen Bahnen zu laufen. Geht man in die südlichen Stadtteile oder gar in die Dörfer im Süden an der Grenze zu Israel, so sieht man die massiven Zerstörungen. Viele Brücken und Stromleitungen sind zerstört. Libanesen sagen: Es war wieder Krieg, Sommerkrieg, wie sie diesen nennen. Ob es der letzte gewesen ist, bezweifeln ebenfalls viele, denn Zyniker haben in den gerade vergangenen relativ ruhigen Jahren immer schon behauptet: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg und vor dem Krieg ist nach dem Krieg.

Auch Habib Badr, der leitende Pfarrer der National Evangelical Church of Beirut begrüßte die Kirchendelegation aus Deutschland und Indonesien mit schwarzem Humor: „Gott sei Dank, es war wieder Krieg. So können wir uns so schnell wieder sehen!“ Er wie manche anderen auch, haben nach diesem Krieg den Eindruck, jetzt werde sich etwas Grundlegendes zum Besseren ändern, wie und was, konnte er noch nicht in Worte fassen.

Eine kurzfristig geplante Reise führte Vertreterinnen und Vertreter aus den Evangelischen Landeskirchen Württemberg, Pfalz, Hessen und Nassau, Kurhessen-Waldeck sowie einer Partnerkirche aus Indonesien für fünf Tage in den Libanon. Zum einen sollte damit, so der Nah-Ost-Referent des Evangelischen Missionswerks in Süd-West-Deutschland (EMS), Andreas Maurer, die Solidarität mit der Partnerkirche im Libanon ausgedrückt werden. Es sollte aber auch herausgefunden werden, wie in Zukunft die Protestanten, aber auch andere christliche Kirchen unterstützt werden können. Ein zentraler Diskussionspunkt war natürlich der immer wieder eskalierende Krieg mit Israel. Dazu hat die Delegation nicht nur mit evangelischen Kirchenvertretern mit Metropolit Elias Audeh von der Griechisch Orthodoxen Kirche Kontakt, sondern auch unter anderem mit Wirtschaftsminister Sami Haddad und dem schiitischen Herausgeber der einzigen englischsprachigen Tageszeitung Daily Star, Jamil Mroweh.
Groß sind die Zerstörungen im Süden. Im Rest des Landes betraf es vor allem Straßen, Brücken und andere Infrastruktur.

Immer wieder wurde in den Gesprächen betont, dass der Krieg den Libanon um 30 Jahre zurückgeworfen habe und die jungen Christen noch stärker als in den vergangenen Jahren in den Westen trieben. Die Angst ist da, dass es in ein paar Jahrzehnten keine Christen mehr im Libanon geben könnte.
Übereinstimmend beklagten alle Gesprächspartner, dass Deutschland und die anderen westlichen Staaten zu wenig täten, um den Konflikt zwischen Israel und Palästina zu entschärfen. Nur die Einrichtung eines lebensfähigen palästinensischen Staates könne dem ganzen Nahen Osten die Entspannung geben, in dem eine positive Entwicklung und Zukunft auch für die Christen möglich sei, dafür sollten sich die Gäste einsetzen. Mary Mikhael, die Präsidentin der Near East School of Theology in Beirut meinte zur Entwaffnung der Hisbollah, sie fürchte, dass der Versuch zu einem neuen Bürgerkrieg führen könnte, der Iran und die USA seien die eigentlichen Kriegsparteien.
Als großes inneres Problem erkennen vor allem jüngere Libanesen das konfessionalistische Proporzsystem des gesamten öffentlichen Sektors. Hier gilt die Regel: Jede Religion und Konfession muss gebührend bei der Postenvergabe berücksichtigt werden. Das lähmt jede Entwicklung. So fordert auch der Schiit Jamil Mroweh vom Daily Star, dass der Libanon sich zu einer Zivilgesellschaft entwickeln müsse. Christen sollten sich im Libanon zuhause fühlen können.

Die Kinder der Schnellerschule feiern am Ende des Ramadan das Zuckerfest

Die evangelischen Kirche und ihre Einrichtungen haben im Sommerkrieg ihre Häuser und Schulen für die Flüchtlinge geöffnet. Fast ein Viertel der Bevölkerung war vor allem aus dem Süden geflohen auf der Flucht. Die Christen leiden wie alle anderen Bewohnern des Landes unter den ungeheuren Zerstörungen der Infrastruktur (z.B. Sprengung von Brücken, Straßen und Elektrizitätswerken) durch die israelischen Luftangriffe. Viele Bauern im Süden des Landes können ihre Felder und Olivenhaine wegen der Blindgänger und Streubomben nicht abernten.

Die Mitglieder der Kirchendelegation sprachen auch über konkrete Projekte. Dabei ging es weniger um Geld. Wichtiger ist es, die Studienmöglichkeiten für deutsche Studierende und Pfarrer an der Near-East-School of Theology (NEST) aus zu bauen. Dort ist es möglich christlich-islamischen Dialog zu studieren. Wie immer, wenn kleine Jungs eine Kamera entdecken, fallen sie in typische Posen.
Auch in der Schneller-Schule in Khirbet Kanafar können junge Deutsche ihr freiwilliges soziales Jahr leisten. Sie ist eine Schule der NEBC mit angegliederter Berufsausbildung und wird von etwa gleich vielen christlichen wie muslimischen Kindern besucht. Sie gilt als ein Musterbeispiel für Friedenserziehung und Entwicklungshilfe und genießt im gesamten Nahen Osten einen hervorragenden Ruf.

Dietmar Burkhardt

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